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Interview

balavoine

Interview von Michael Balavoine, Chefredakteur der Zeitschrift Planète Santé

Mit Schlussgedanken von Filip Uffer, Präsident der Kommission « Alter & Gesellschaft » der Leenaards Stiftung.

Wie in den meisten Industrieländern sind die traditionellen Solidaritätsmodelle in der Schweiz beispiellosen Spannungen ausgesetzt. So möchte beispielsweise die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen trotz Belastung durch Schwächen und Defizite zu Hause wohnen bleiben. Gleichzeitig sind die Familien immer weniger bereit, sich um sie zu kümmern. Es gilt deshalb, neue Formen der Unterstützung zu finden und das Konzept des sozialen Zusammenhalts zu überdenken. Für Antonia Jann, Direktorin der Age-Stiftung in Zürich, und Peter Zängl, Professor für Sozialmanagement an der Hochschule für Soziale Arbeit in Olten, liegt der Schlüssel zur Bewältigung solcher Herausforderungen in erster Linie darin, lokale Lösungen zu entwickeln. Sie schlagen vor, die Schaffung von «Caring Communities» zu fördern. Allerdings gibt es dafür kein Patenrezept: Initiativen müssen von selbst entstehen und auf den Kontext der jeweiligen Situation abgestimmt sein. Was tun, damit die Schweiz im Bereich des sozialen Zusammenhalts neue Wege geht? Ein paar Denkanstösse.

Michael Balavoine
Gewisse Fachleute sprechen von einem «grauen Tsunami», um den demografischen Wandel in den Industriegesellschaften zu beschreiben. Was löst diese Metapher bei Ihnen aus?

Peter Zängl Der Begriff scheint mir völlig deplatziert! Beim Wort Tsunami kommt einem ein apokalyptisches Ereignis in den Sinn, das Verwüstung und Zerstörung verursacht. Der demografische Wandel, den wir derzeit erleben, ist aber weitgehend positiv. Dank dem medizinischen Fortschritt leben die Menschen heute länger und bei besserer Gesundheit. Die Kindersterblichkeit war noch nie so niedrig. Unsere Gesellschaften müssen mit den Folgen dieser Entwicklungen, die ermutigend und nicht katastrophal sind, zurechtkommen. Zudem ist uns längst bewusst, dass dieser demografische Wandel das Konzept der sozialen Unterstützung im Alter verändern wird. Das erste Mal hörte ich vor etwa 20 Jahren davon. Man sprach damals von einer «Rentnerwelle».

Antonia Jann Ich würde auch sagen: Der Ausdruck «grauer Tsunami» ist nicht nur unnötig panikmacherisch, sondern auch undifferenziert. Die demografische Situation, in der wir uns befinden, ist nicht nur das Ergebnis der steigenden Anzahl älterer Menschen, obwohl dies ein wesentlicher Faktor ist. In Wirklichkeit haben wir es mit ganz unterschiedlichen demografischen Veränderungen zu tun, die sich gleichzeitig vollziehen. Das ist es, was unserer Zeit beispiellos macht.

M.B. Welche anderen demografischen Veränderungen erschüttern die traditionellen Modelle der Solidarität?
A. J. Da sind einmal die Familienverhältnisse. Sie haben sich grundlegend geändert. Die Frauen sind erwerbstätig, weshalb die Aufgaben, die sie früher für die Gemeinschaft wahrgenommen haben, auf eine andere Weise erledigt werden müssen. Aufgrund der längeren Lebensdauer wird es auch mehr Phasen geben, in denen Unterstützung notwendig wird. Die Familie kann dies nicht mehr alleine stemmen. Erstens, weil der Zeitraum, in dem eine ältere Person Hilfe benötigt, um ihre täglichen Aufgaben zu bewältigen, immer länger wird. Zweitens, aufgrund des demografischen Wandels: Es gibt weniger junge Menschen, die sich um die älteren Menschen kümmern können. Ausserdem sind die Familienbiografien heute viel komplexer als in der Vergangenheit: Es gibt mehr Patchwork-Familien, und es kommt immer seltener vor, dass eine Person an ein und demselben Ort geboren wird, lebt und stirbt. Diese Fragmentierung der Beziehungen und der Orte erschwert die Möglichkeiten, wie Angehörige Hilfe leisten können.

Wir müssen den Generationenvertrag neugestalten, indem wir soziale Kreativität hineinbringen.

Peter Zängl

P. Z. Diese Fragmentierung ist ein zentraler Aspekt des heutigen Lebens. Um das Defizit an Nähe zu kompensieren, welches die von Antonia erwähnten Veränderungen nach sich ziehen, haben wir keine Wahl: Wir müssen den Generationenvertrag neugestalten, indem wir soziale Kreativität hineinbringen.

M. B. Abgesehen von diesen Entwicklungen: Sind unsere Gesellschaften weniger solidarisch geworden?
A. J. Das glaube ich nicht. Es ist eine Frage der Gesellschaftsstruktur. Solidarität beruht seit langem vor allem auf den Menschen, die uns nahestehen. Sie sind es, die sich zusammen mit dem weiteren Familienkreis organisieren, um die Autonomie der Menschen in der Gruppe so lange wie möglich zu gewährleisten. Anschliessend übernimmt die Institution. Mit den von uns erwähnten demografischen und sozialen Veränderungen ist diese Situation unhaltbar geworden. Sowohl die Familie als auch die Institution, die nicht auf das Tempo der aktuellen Entwicklungen vorbereitet ist, stossen an ihre Grenzen. Aber man muss diese Entwicklung als Chance begreifen, nicht als Bedrohung. Es gibt Lösungen für diese neuen Herausforderungen. Sie bedingen, dass wir wirklich kreativ sind.

Die älteren Personen, die auf Hilfe angewiesen sind, sind jedoch keine einheitliche und kompakte Gruppe. Im Gegenteil: Das Alter wird sehr unterschiedlich gelebt. Damit jedem bei seinen wirklichen Bedürfnissen geholfen werden kann, bedarf es einer Vielfalt von Lösungen.

Peter Zängl

M. B. Ist es Sache des Staates, die Aufgaben der Familien und der Institutionen zu übernehmen, indem er die Bedingungen für soziale Unterstützung festlegt?
P. Z. Die Frage ist vielmehr: Lässt sich Solidarität wirklich organisieren? Oder sollte sie von jedem Einzelnen kommen? Kann die Gesellschaft ohne Einbezug der Angehörigen bestehen? Wenn sie anfängt, einen Lohn zu zahlen, um die Nachbarschaftshilfe zu fördern, zerstört sie dann nicht die Bewegung, indem sie ihr die Spontaneität raubt? Das eigentliche Thema ist die Rolle des Sozialstaates. Wenn der Staat alle Initiativen finanziert und unterstützt, wird Solidarität zu einer Form von «one size fits all» und es findet eine Standardisierung der Art und Weise statt, wie etwas getan wird. Die älteren Personen, die auf Hilfe angewiesen sind, sind jedoch keine einheitliche und kompakte Gruppe. Im Gegenteil: Das Alter wird sehr unterschiedlich gelebt. Damit jedem bei seinen wirklichen Bedürfnissen geholfen werden kann, bedarf es einer Vielfalt von Lösungen.Der Staat hat deshalb sicher eine Rolle zu spielen, aber er kann nicht der einzige Akteur im System sein. Und er kann nicht der einzige Ideengeber sein. Die Formen der Solidarität müssen aus den Gruppen kommen, in denen sie ausgeübt werden.

A. J. Wichtig ist, dass es einen Raum gibt, der genutzt werden kann, um kreative Lösungen hervorzubringen. Betrachtet man die lokale Ebene, so wimmelt es heute von Pilotprojekten. Und diese Freiräume – diese «Soziallabors» – sind von grundlegender Bedeutung. Ich stimme Peter zu: Wenn der Staat den ganzen Raum einnimmt, dann wird eine formale Gerechtigkeit in Form von standardisierten Ansätzen etabliert. Aber wahre Solidarität ist etwas Anderes. Sie erfordert, dass wir die Einzigartigkeit der Situationen berücksichtigen und entsprechend die Flexibilität fördern.

Aber letztendlich geht es darum, Lösungen zu finden, die im Einklang mit der kulturellen und lokalen Geschichte der Menschen stehen.«Lösung» ist übrigens nicht das richtige Wort. Es ist besser, von Modellen und bewährten Verfahren zu sprechen.

Antonia Jann

M.B. Inwieweit kann sich die Schweiz von ausländischen Erfahrungen inspirieren lassen?
A. J. Das Schweizer System hat, wie die anderen, seine Vor- und Nachteile und eine eigene Komplexität. Dies ist einer der Gründe, weshalb es nicht möglich ist, fremde Modelle ohne Anpassungen zu übernehmen. Wir können Rahmenbedingungen vergleichen und uns von Erfahrungen aus anderen Ländern inspirieren lassen. Aber letztendlich geht es darum, Lösungen zu finden, die im Einklang mit der kulturellen und lokalen Geschichte der Menschen stehen.«Lösung» ist übrigens nicht das richtige Wort. Es ist besser, von Modellen und bewährten Verfahren zu sprechen.Denn Vorbilder sind enorm wichtig. Auch auf der persönlichen Ebene: Ein Klima der Solidarität schaffen, indem ich mich solidarisch zeige, kann zu mehr Solidarität führen.

Einige Faktoren scheinen mir jedoch zentral zu sein, damit ein Solidaritätsprojekt funktioniert: klein anfangen, die lokalen Behörden, zum Beispiel die Gemeindebehörden, einbeziehen und Transparenz zwischen den verschiedenen Akteuren schaffen, damit jeder weiss, was der andere tut.

Peter Zängl

M. B. Sie setzen für die Schaffung von «Caring Communities» in der Schweiz ein. Doch wie soll man vorgehen, nachdem ja die Modelle nicht einfach so übertragbar sind?
P. Z. Diese Formen der zivilen Solidarität entstehen, wenn es ein konkretes Problem zu lösen gilt. Welche Form sie annehmen, ist per se unwichtig. Als Forscher ist es übrigens frustrierend, keine Liste mit genauen Kriterien für den Start und den Erfolg eines Projekts aufstellen zu können. Einige Faktoren scheinen mir jedoch zentral zu sein, damit ein Solidaritätsprojekt funktioniert: klein anfangen, die lokalen Behörden, zum Beispiel die Gemeindebehörden, einbeziehen und Transparenz zwischen den verschiedenen Akteuren schaffen, damit jeder weiss, was der andere tut. Aber es gibt kein Patentrezept. Ein Projekt nutzt den Kiosk im Quartier, ein anderes eine von der Gemeinde geschaffene Anlaufstelle oder den Dorfladen. Alles hängt von den Umständen ab.

Sorgekulturen in Gemeinschaften – Bundesamt für Gesundheit BAG (PDF)

A. J. Um eine Dynamik zu erzeugen, brauchen wir zwei Bewegungen. Die erste muss von unten kommen. Die Akteure vor Ort müssen sich organisieren, ohne bestimmten Gesetzen zu folgen, ihrer Phantasie und Dynamik entsprechend. Die Bewegung muss von der Gemeinschaft ausgehen. Aber wir brauchen auch eine Top-down-Bewegung: Ohne Strukturen lässt sich der Übergang nicht organisieren, lassen sich neue Organisationen nicht am Leben erhalten. Allerdings wäre es ein Fehler, darauf zu warten, dass ein Rechtsrahmen alles regelt. Das Wichtigste ist, zu handeln. Oft kommt der Anstoss von einer Person, die eine Vision und eine Motivation hat. Wo diese Energie vorhanden ist, kann etwas in Gang kommen. Anschliessend muss man die Pflanze wachsen und das Projekt sich selbst organisieren lassen, um zu schauen, was daraus wird. Der Ursprung spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Motivation der Menschen, zusammenzuarbeiten und sich in einer gemeinsamen Bewegung zu engagieren.

M. B. Mit der Age-Stiftung haben Sie mehrere Pilotprojekte unterstützt. Welche Lehren ziehen Sie daraus?
A. J. Die erste Lehre ist: Altern im eigenen Heim stellt für die Lebensqualität eine Priorität dar! Diese Priorität erfordert jedoch eine Kombination von professioneller Unterstützung, wie z. B. die rein medizinische Versorgung, und von Hilfe durch die Zivilgemeinschaft.Aber die Verfügbarkeit von Hilfe reicht nicht aus. Informationen über das Angebot sind genauso wichtig. Hilfesysteme müssen sichtbar und verständlich sein. Kurz gesagt, was wichtig ist, ist die Förderung einer ganzheitlichen Kultur, die den Verbleib zu Hause begünstigt. Wir haben auch festgestellt, dass die kommunalen Behörden ein zentraler Akteur für die Nachhaltigkeit von Projekten sind. Wenn sie nicht beteiligt sind, verebbt die Dynamik schliesslich. Natürlich ist es für eine Gemeinde nicht einfach, den Anfang zu machen, zu wissen, wie man das Spiel der verschiedenen Akteure am besten orchestriert. Aber die Gemeinden lernen auch dazu. Eine kontinuierliche Debatte ermöglicht es, Schwierigkeiten zu erkennen, sie zu überwinden, aber auch, Aktionen besser zu systematisieren. So können Formen von « Caring Communities » entstehen.

Programm « Socius – wenn Älterwerden Hilfe braucht »

Altern im eigenen Heim stellt für die Lebensqualität eine Priorität dar! Diese Priorität erfordert jedoch eine Kombination von professioneller Unterstützung, wie z. B. die rein medizinische Versorgung, und von Hilfe durch die Zivilgemeinschaft.

Antonia Jann

M. B. Wie sollten Ihrer Meinung nach die Aufgaben dieser «Caring Communities» mit denen, die rein pflegerischer Natur sind, abgestimmt werden?
P. Z. Es ist unerlässlich, dass diese beiden Welten miteinander sprechen. Sie müssen ein Netzwerk bilden. Dies ist immer noch zu selten der Fall. Das Pflegesystem basiert auf Verrichtungen. Was vorgeschrieben ist, was «Teil des Katalogs» ist, wird gemacht. Das Spektrum sollte jedoch auf alles Soziale ausgedehnt werden. Das ist die Revolution, die das niederländische Unternehmen Buurtzorg vollbracht hat. Dieses von einem Pflegefachmann eingeführte Modell basiert auf kleinen autonomen Teams mit einer eigenständigen Form des Selbstmanagements. «Buurtzorg» bedeutet auf Holländisch «Nachbarschaftshilfe». In knapp zehn Jahren hat sich Buurtzorg zum führenden Spitex-System in den Niederlanden entwickelt. Vor allem die flachen Entscheidungswege des Modells stossen auf grosses Interesse. Aber seine eigentliche Originalität besteht darin, dass es ihm gelungen ist, neben dem rein medizinischen Aspekt auch den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Wie die Ordensschwestern, die früher in der Sozialhilfe tätig waren, kennen die Pflegefachleute in diesem Modell nicht nur die medizinischen Bedürfnisse, sondern auch das allgemeine Umfeld der Person. Sie kennen die Angehörigen, auf die sie sich für bestimmte Aufgaben verlassen können. Zu wissen, wie man Familie, Freunde oder Nachbarn um Hilfe anfragen kann, erscheint banal, aber es ändert alles.

Die ganzheitliche Betreuung einer Person funktioniert nicht wie eine Fertigungsstrasse im Fahrzeugbau! Je fragmentierter die Versorgung ist, desto weniger effektiv ist sie. Diese Fragmentierung ist eines der Hauptprobleme des derzeitigen Systems.

Antonia Jann

A. J. Für eine qualitativ hochwertige Pflege zuhause ist die langfristige menschliche Beziehung entscheidend. Die ganzheitliche Betreuung einer Person funktioniert nicht wie eine Fertigungsstrasse im Fahrzeugbau! Je fragmentierter die Versorgung ist, desto weniger effektiv ist sie. Diese Fragmentierung ist eines der Hauptprobleme des derzeitigen Systems.Der Körper ist zwar gepflegt, aber den übrigen Bedürfnissen der Person wird zu wenig Gewicht beigemessen.

M. B. Mit anderen Worten, durch die Kombination von sozialen und medizinischen Ansätzen ist die Versorgung wirksamer und humaner?
A. J. Ja, aber nicht nur das. Diese Kombination bietet auch die nötige Flexibilität, damit die Pflegekraft die Bedürfnisse der zu betreuenden Person wirklich erfüllen kann. Heute ist das System sehr starr: Etwas ist vorgeschrieben und wird entsprechend getan. Das kann zu absurden Situationen führen.
Nehmen wir das Beispiel eines Paares, bei dem die Frau dement ist. Der Mann kümmert sich um sie, bis auch er Hilfe braucht: Er kann nicht mehr alle täglichen Aufgaben alleine erledigen und verspürt das Bedürfnis nach etwas Freizeit, zum Beispiel um Sport zu treiben. Er möchte, dass das Spitex-System ihn entlastet, indem jemand von Zeit zu Zeit zwei Stunden mit seiner Frau spazieren geht. Aber in einem solchen Fall sagt die Spitex einfach nein, denn diese Art von Unterstützung steht nicht auf der Liste der angebotenen Leistungen. Andererseits kann die Institution Unterstützung bei der Körperpflege der Gattin anbieten, auch wenn der Ehemann keinen Bedarf dafür geäussert hat und diesen Moment des Austauschs mit seiner Frau schätzt. Diese einfachen und gleichzeitig komplexen Dinge des täglichen Lebens sollten leichter zu bewältigen sein.

M. B. Sind Organisationsformen wie Buurtzorg auf die Schweiz übertragbar?
P. Z. Natürlich sind unsere Spitex-Organisationen sehr an dieser Art von Initiative interessiert. Aber das System ist nicht 1:1 übertragbar. Auf der anderen Seite, und das ist der interessante Punkt, ist die kulturelle Vorstellungswelt, die dadurch geweckt wird, sehr stark und sehr attraktiv. Zunächst für diejenigen, die Hilfe oder Betreuung in Anspruch nehmen: Sie erhalten Zeit, die Gespräche sind nicht limitiert. Dieser Faktor ist für die Qualität der Betreuung von zentraler Bedeutung. Aber auch die Pflegekräfte schätzen die Tatsache, dass die Aufgaben nicht auf medizinische Handlungen beschränkt sind, sondern der Mensch ganzheitlich betrachtet wird. Das Arbeiten ohne festgefahrene Strukturen und mit möglichst geringer Arbeitsteilung wird als sehr positiv erlebt. Das eigentliche Problem ist: In der Schweiz basiert alles auf Verrichtungen und Leistungen, namentlich bei der Rechnungsstellung. Das können wir wirklich sehr gut: Leistungen nach der Zeit bemessen und den Preis daran festmachen. Das Buurtzorg-System ist auf Wirkung ausgerichtet: Die verschiedenen Akteure einigen sich auf ein Budget und bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Dieses Budget deckt die pflegerische und soziale Betreuung und kostet laut Buurtzorg letztendlich weniger als eine Abfolge von Verrichtungen. Aber dieses Modell – so interessant es auch sein mag – ist nicht das einzige, und unsere Arbeitsweisen haben ihren eigenen Wert. Daher sollten wir bestimmte Aspekte des aktuellen Systems beibehalten und dessen Qualitäten anerkennen, zum Beispiel das hohe Mass an Kompetenz und Engagement der verschiedenen Akteure im System. Die bisherigen Modelle über Bord werfen ist kein guter Ansatz, um den Weg für Innovationen zu ebnen.

Das eigentliche Problem ist: In der Schweiz basiert alles auf Verrichtungen und Leistungen, namentlich bei der Rechnungsstellung. Das können wir wirklich sehr gut: Leistungen nach der Zeit bemessen und den Preis daran festmachen. Das Buurtzorg-System ist auf Wirkung ausgerichtet.

Peter Zängl

M. B. Müssen wir präventiver werden, indem wir beispielsweise Phasen der Gebrechlichkeit antizipieren, bevor sie auftreten?
A. J. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, sich im Voraus auf diese Ereignisse vorzubereiten. Wichtig ist jedoch, dass die bestehenden Systeme sichtbar genug sind, damit Personen, die an die Grenze ihrer Kräfte oder Möglichkeiten stossen, rasch eine Lösung finden können. Wenn man in den eigenen vier Wänden lebt, verändert und verschlechtert sich die Situation schleichend. Mit der Zeit ist man auf Hilfe angewiesen, um den Alltag zu bewältigen. An diesem Punkt muss ein – wie auch immer geartetes – Sozialsystem ins Spiel kommen. Und damit das geschieht, muss es für die gesamte Gemeinschaft sichtbar und rasch verfügbar sein.

M.B. Wie kann man diese neuen Modelle wirtschaftlich tragbar machen?
A. 
J. Die Kosten sind ein grosses Problem. Es braucht Lösungen, die sowohl für die betroffenen Menschen als auch für den Staat wirtschaftlich tragbar sind. In der Schweiz haben wir sehr hohe Qualitätsstandards. Unser System war bisher auf Wachstum ausgerichtet: Man war bestrebt, jeden Bedarf zu erfüllen. In Zukunft werden wir angesichts begrenzter Ressourcen nicht um bestimmte Entscheidungen herumkommen, insbesondere im medizinischen Bereich. Gemeint ist, dass wir uns auf das konzentrieren, was für den Patienten und den fragilen Menschen am nützlichsten und angemessensten ist, und dabei gleichzeitig die Erhaltung einer guten Lebensqualität im Auge behalten.

Je mehr ich mir die tatsächlichen Verhältnisse anschaue, desto mehr denke ich, dass das derzeitige System am Ende ist. Und ich glaube die Triebkraft des Wandels ist das Vertrauen zwischen den Akteuren. Nur wenn wir dieses Vertrauen wiederherstellen und ihm neue Schwungkraft verleihen, können wir das Zusammenleben von morgen gestalten.

Peter Zängl

P. Z. Es scheint mir, das zentrale wirtschaftliche Problem ist das Silodenken. Wir trennen Soziales, Gesundheit, Bildung usw. Dabei sollte das Budget viel ganzheitlicher konzipiert sein. Egal wie der Name des Konzepts lautet – « Caring Communities » – oder was auch immer: Angesichts der Kostenexplosion ist der ganzheitliche Ansatz der einzige gangbare Weg. Gestützt auf diese Globalbudgetierung und einen lokalen Handlungsansatz, der den Teams vor Ort ein hohes Mass an Autonomie lässt, kann man das vermeiden, was Fachleute den « Management Overhead » nennen, das heisst Verwaltungskosten, die in jeder Betreuungsphase und zusätzlich auf Gesamtprojektebene anfallen. Dazu braucht es aber Vertrauen zwischen den verschiedenen Sozialpartnern, also den Teams vor Ort, der Spitex, Kantonen und Krankenkassen. Je mehr ich mir die tatsächlichen Verhältnisse anschaue, desto mehr denke ich, dass das derzeitige System am Ende ist. Und ich glaube die Triebkraft des Wandels ist das Vertrauen zwischen den Akteuren. Nur wenn wir dieses Vertrauen wiederherstellen und ihm neue Schwungkraft verleihen, können wir das Zusammenleben von morgen gestalten.

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Filipp Uffer,
Vorsitzender der Kommission "Alter & Gesellschaft"
Schlussgedanken

Älterwerden allein oder mit anderen verbunden?

Die Leenaards Stiftung möchte dazu beitragen, dass Alter kein Faktor sozialer Ausgrenzung ist. Menschen, die pensioniert werden, sollten ihren rechtmässigen Platz und eine motivierende Aufgabe für diesen neuen Lebensabschnitt finden. Das Alter muss vor allem Anlass zur Freude, nicht zur Sorge sein. Angesichts der steigenden Lebenserwartung ist es unerlässlich, die Lebensqualität älterer Menschen zu stärken, und zwar weit über den rein gesundheitlichen Aspekt hinaus. Die finanziellen Verhältnisse, Teilhabe und soziale Beziehungen, das Umfeld und das Mass an Autonomie sind genauso wichtig.

Deshalb hat die Stiftung 2002 mitgeholfen, das erste Projekt eines « Quartier Solidaire » in Bellevaux zu realisieren. Die von Pro Senectute Waadt entwickelte Methodik geht von den selbst geäusserten Bedürfnissen der Bewohner des Quartiers (oder Dorfs) aus, ohne vorgefasste Ideen. Dabei können die älteren Menschen in einem gemeinschaftlichen und partizipativen Prozess, der es jedem erlaubt, seinen Beitrag zu leisten und seinen Platz zu finden, (wieder) Initianten und Akteure ihrer eigenen Projekte werden. Zwar weiss man nie im Voraus, was dabei herauskommt, aber die Erfahrung zeigt, dass sich die Bewohner jedes Mal engagieren und eine geeignete Organisationsform finden. Auch die lokalen Behörden haben von diesen Initiativen profitiert und haben sie unterstützt. Am Ende des Projekts erlaubt die so genannte Verselbständigungsphase der bestehenden Gemeinschaft, ihre Identität zu festigen und eigenständig ihren Weg zu gehen. Die am häufigsten gewählte Organisationsform ist die des Vereins, mit einer horizontalen Führungsstruktur, was einer möglichst breiten Beteiligung förderlich ist. Im Kanton Waadt wurden inzwischen insgesamt 25 Projekte ins Leben gerufen (www.quartiers-solidaires.ch).

Emission Temps Présent (RTS / 5 avril 2018)
"Contre la solitude, une leçon de solidarité"

Das Experiment der « Quartiers Solidaires » stösst auch in der Deutschschweiz und im Tessin auf Interesse, und es ist Teil eines umfassenderen Trends hin zu sogenannten « Caring Communities » oder « sorgenden Gemeinschaften ». Es ist deshalb naheliegend, dass sich die Leenaards-Stiftung heute an den Diskussionen zu diesem Thema beteiligt, insbesondere im Rahmen der von SwissFoundations organisierten nationalen Veranstaltungsreihe « Roundtable Alter ». Wir hoffen, dass dieser Erfahrungsaustausch den Aufschwung von Initiativen des Typs « Caring Communities », die dem Zusammenleben aller Generation förderlich sind, in allen Regionen der Schweiz unterstützen wird.

Einem solchen Ansatz kommt eine umso grössere Bedeutung zu, als sich die Welt in einem tief greifenden technologischen, ökologischen, finanziellen und politischen Wandel befindet, der unsere Gesellschaft und ihre Errungenschaften letztlich schwächen und Auswirkungen auf die Beziehungen des Einzelnen zur Gemeinschaft aber auch auf die Beziehungen zwischen den Generationen haben könnte.

Der Übergang zu einer nachhaltigeren Gesellschaft ist heute dringend, und er kann nur gelingen, wenn ihre Mitglieder die Fähigkeit entwickeln, zusammenzustehen und einander zu unterstützen – in jedem Alter. Wir können uns vorstellen – und hoffen! – dass unsere Gesellschaft als Ganzes in absehbarer Zeit den Wert des nachbarschaftlichen Austausches (wieder-)entdecken und gleichzeitig wie eine Art Permakultur entwickeln wird, die zu Mensch und Natur Sorge trägt.

Filip Uffer
Mitglied des Stiftungsrates
Vorsitzender der Kommission « Alter & Gesellschaft »