Photo du film de lancement de l'appel à projets SantéPerSo

Eclairage

Gespräch mit Prof. Eric Bonvin, Generaldirektor Spital Wallis

Das Gespräch führte Michael Balavoine, Chefredakteur der Zeitschrift Planète Santé

2013.11.16-FermeAsile-Wernimont

Malévoz ist eine Utopie. Das Besondere an der Walliser Psychiatrieklinik ist, dass hier nicht unterschieden wird zwischen Gesunden – Personal und Besucher – und den 130 Patientinnen und Patienten, die oberhalb von Monthey in den von Insassen gebauten Chalets leben. Von diesem gemeinschaftsoffenen Ort aus, einem Symbol für die Sozialpsychiatrie der 1970er-Jahre und das Ende der Einsperrung von psychisch Kranken, leitete Eric Bonvin die Reaktion der Walliser Spitäler auf die Covid-19-Epidemie. Und selbst auf Distanz war er an allen Fronten dabei. Neben der vollständigen Umgestaltung der Spitalorganisation und der Einrichtung eines Krisenstabs mit einer Flut von täglich zu treffenden Entscheidungen stellte er sich regelmässig den Fragen der Leserinnen und Leser der Walliser Tageszeitung Le Nouvelliste. Diese anstrengende Zeit und die vielen vor dem Bildschirm verbrachten Stunden haben seinem Rücken zugesetzt. Deshalb entfällt unser geplanter Waldspaziergang. Doch was bleibt ihm – abgesehen von den körperlichen Spuren – von dieser ersten Welle der Pandemie? Dass unsere quantitätsbasierte, hochtechnologisierte und digitalisierte Welt einen schweren – und vielleicht entscheidenden – Schlag erlitten hat. Genauso wie unser Gesundheitsverständnis, das die Einzigartigkeit des Menschen, «seine Eigenenergie», wie er es ausdrückt, also die Kraft, die jedem Lebewesen innewohnt, sowie sein ökologisches und soziales Umfeld ausser Acht lässt. Von da an ist es nur ein kleiner Schritt zur Aussage, dass eine Welt, eine bestimmte Form von Rationalität, zu Ende geht. Fesselnde Gedanken, zusammengetragen auf einem Rundgang durch den öffentlichen Park rund um das Hauptgebäude der psychiatrischen Klinik.

Michael Balavoine
Inwiefern hat diese Pandemie unser Gesundheitssystem auf dem falschen Fuss erwischt?

Eric Bonvin Das Virus hat unsere hochtechnologisierte Medizin im Innersten getroffen, auf eine so unwahrscheinliche Art und Weise, wie das die Flugzeuge getan haben, die in New York in die Zwillingstürme gerast sind. Unsere Intensivmedizin, das Modernste, was wir haben, stiess an Grenzen, war zeitweise überfordert und ausser Kontrolle. Die technologisierte, digitalisierte Welt, in der wir leben, vermittelt uns den Eindruck, Quantität sei etwas Virtuelles, Grenzenloses. Die Globalisierung suggeriert, dass das Wachstum endlos weitergeht, dass man tatsächlich Milliarden von Informationen verarbeiten kann. Das Quantitative wurde in unseren digitalen Gesellschaften verklärt. Aber diese Pandemie hat gezeigt, dass die Realität ganz anders aussieht. Eine fühlbare Materialität, eine Form des Widerstands seitens der Welt, war zu spüren. Nicht alles ist skalierbar. Es gibt quantitative und qualitative Grenzen. Wir haben es in der Intensivmedizin gesehen, aber auch bei so trivialen Dingen wie Masken oder Basismedikamenten. Und wir werden es morgen bei den Impfstoffen sehen, wo einfache Grundstoffe knapp werden dürften, wenn es darum geht, diese für die ganze Welt zu produzieren. Mit Knappheit umgehen: Das ist die erste Lektion dieser Pandemie.

Unser Gesundheitsverständnis lässt die Komponente des Menschen ausser Acht. Wir versteifen wir uns darauf, Sachverhalte wie die Quantität bzw. Dauer des Lebens zu messen und zu betrachten, obwohl Gesundheit ein Gut ist, das nur für den einzelnen Menschen Sinn macht.

M.B. Alles quantifizieren zu wollen, ist das auch das Problem unseres Gesundheitsverständnisses?

E.B. Ja. Unsere Gesellschaft misst der Lebenserwartung einen sehr hohen Stellenwert zu. Auch hier steht die Quantität im Vordergrund. Das Unbehagen ist jedoch spürbar. Die Menschen haben mehr «Lebensquantität», aber viele von ihnen können nicht mehr… Wir müssen zurück zu den Grundlagen, zu den Werten und zur Qualität des Lebens. Wenn wir ein Gesundheitssystem wollen, das deutlich effizienter ist und angemessen auf die Bedürfnisse des Einzelnen und der Bevölkerung eingeht, dann braucht es zweifellos und in erster Linie qualitative Massnahmen auf der sozialen, umweltbezogenen und zwischenmenschlichen Ebene, um dies zu erreichen, und nicht Massnahmen zur Rationalisierung und Produktivitätssteigerung, wie sie nach der aktuell in unserem Gesundheitssystem vorherrschenden Managerideologie propagiert werden. Gesund sein ist kein Zustand, es ist ein Verhalten. Für den einzelnen Menschen bedeutet das die Fähigkeit zur Anpassung an das Umfeld, an die ständigen Veränderungen im Leben. Das ist es, was das Leben – von der kleinsten Zelle bis zu komplexeren Lebewesen wie uns – ausmacht: die ständige Anpassung an Veränderungen. Die Frage ist, wie man diesen Anpassungsprozess unterstützt. Dafür gibt es kein Patentrezept. Faktoren wie Krankheit oder Umweltbelastungen spielen eine Rolle. Aber abgesehen davon ist das Leben nicht bloss ein Kampf gegen Krankheit. Unsere Medizin behandelt nicht den kranken Menschen: Sie behandelt objektive Krankheiten nach standardisierten Protokollen. All ihre Anstrengungen sind darauf gerichtet, die Krankheit zu objektivieren, zu isolieren und zu individualisieren, um auf deren Wesen und biologische Struktur einzuwirken, losgelöst vom Patienten, der Träger der Krankheit ist, und dem Personal, das ihn betreut. Der Mechanismus der Objektivierung dient zur Bestimmung und Bestätigung sowohl der Krankheit durch diagnostische Techniken als auch der Behandlungen durch doppel- oder dreifachblinde plazebokontrollierte Versuchsprotokolle. Auf diese Weise lassen sich subjektive Verzerrungen ausschliessen, die durch den Menschen – in diesem Fall den Patienten, das Gesundheitspersonal oder die Forschenden – hervorgerufen werden: Der Mensch wird zum austauschbaren Substrat der Krankheit und ihrer Behandlung. Unsere Gesundheitsversorgung beruht somit auf objektivierten Sachverhalten, auf dinglicher Organisation und nicht auf der Dynamik des Seins. Dabei ist das Leben etwas Fliessendes, Ungewisses, das einem ständigen Wandel unterworfen ist. Unser Gesundheitsverständnis lässt die Komponente des Menschen, d. h. desjenigen, der sein Leben lebt, ausser Acht. Er lebt, weil er wahrnimmt, weil er sich laufend anpasst und verändert. Trotzdem versteifen wir uns darauf, Faktisches wie die Quantität bzw. Dauer des Lebens zu konstatieren, obwohl Gesundheit eine Qualität ist, die nur für den lebendigen Menschen Sinn macht.

Unser Gesundheitsverständnis lässt die Komponente des Menschen, d. h. desjenigen, der sein Leben lebt, ausser Acht. Er lebt, weil er wahrnimmt, weil er sich laufend anpasst und verändert. Trotzdem versteifen wir uns darauf, Faktisches wie die Quantität bzw. Dauer des Lebens zu konstatieren, obwohl Gesundheit eine Qualität ist, die nur für den lebendigen Menschen Sinn macht.

M. B. Wir vergessen, dass hinter den objektivierbaren Sachverhalten ein Lebewesen steht…

E. B. Genau. Unsere Medizin honoriert ihr eigenes Handeln nur aufgrund der Wirksamkeit eines standardisierten Verfahrens, aufgrund der Leistung am Objekt Krankheit. Den menschlichen Fähigkeiten der erkrankten Person und des Gesundheitspersonals, das Leiden zu verringern, wird kein Wert beigemessen. Indem sie ausschliesslich auf die Methode der Objektivierung und Rationalisierung setzt, hat unsere Medizin die Menschen, denen sie eigentlich dienen soll, endgültig verdrängt. Damit hat sie sich völlig von ihrem eigentlichen Zweck entfernt, der darin besteht, notleidenden Menschen Hilfe und Pflege zukommen zu lassen, um ihr Leiden zu lindern und ihnen eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen. Was sagt denn der Mensch? Wenn jemand krank ist, sich aber damit abfindet und um nichts bittet, was soll man dann tun? Braucht die Person eine Behandlung, und kann man sie ihr aufzwingen? Unser System basiert auf dem Dualismus Diagnose–Behandlung. Dessen Programm besteht darin, sämtliche Krankheiten zu behandeln. Aber was ist der Nutzen dieses Unterfangens, wenn der innerste Wunsch der kranken Person nicht berücksichtigt wird? Ohne diese Dimension arbeiten wir in einem Vakuum. Dies gilt umso mehr, als es Menschen gibt, die durch die Krankheit verwandelt werden und einen neuen Lebenssinn erhalten. Mir scheint, die Fürsorge als zwischenmenschliche Beziehung sollte im Mittelpunkt stehen. Das ist der Grundstein einer Medizin, die in erster Linie eine Antwort auf ein Leiden sein muss. Legen wir den Schwerpunkt auf die technologischen Aspekte der Medizin, vernachlässigen wir deren primäre Aufgabe: das Leiden anderer zu lindern, indem wir ihre eigene Wahrnehmung des Leidens berücksichtigen.

Legen wir den Schwerpunkt auf die technologischen Aspekte der Medizin, vernachlässigen wir deren primäre Aufgabe: das Leiden anderer zu lindern, indem wir ihre eigene Wahrnehmung des Leidens berücksichtigen.

M. B. Schenken wir dem Patienten kein Gehör, berauben wir ihn seiner Wahlfreiheit. Heisst das, Sie spüren in unserem Gesundheitssystem eine versteckte Form von Bevormundung?

E. B. Jedenfalls denken wir an Stelle der Person, indem wir sie daran hindern, ihre Fähigkeiten und ihre Verantwortung als Mensch wahrzunehmen. Das ist die Crux der klinischen Medizin, die im 19. Jahrhundert beginnt. Mit der Entdeckung des Stethoskops durch René Laennec haben wir angefangen, dem Patienten zu sagen: «Seien Sie still, ich höre Ihre Organe ab, die sagen mir mehr über Ihre Krankheit als Sie wissen.» Dies ist eine radikale Abkehr von der hippokratischen Medizin. Der Ansatz von Hippokrates basierte auf einem partnerschaftlichen Verhältnis mit dem Patienten. Es ging darum, die Krankheit ans Licht zu bringen, indem die Vertraulichkeit der Beziehung geschützt wird, damit der Patient sich öffnet und das Wesen des Übels, das von ihm Besitz ergriffen hat, mit eigenen Worten beschreibt. Das zwanzigste Jahrhundert ging in seiner Abkehr von Hippokrates sogar noch weiter als das neunzehnte: In der Praxis hat sich die «evidenzbasierte Medizin» durchgesetzt. Dem liegt der Verdacht zugrunde, dass der Arzt nicht verlässlich ist. Was zählt,
sind die offenkundigen und objektivierbaren Fakten. Das System, das in Gang gesetzt wurde, schliesst den Patienten aus. Das Vokabular der Forschung ist unmissverständlich: Die Doppelblindstudie ist die Studie, bei der weder der behandelnde Arzt noch die Patienten im Bild sind. Bei der Dreifachblindstudie, dem «Goldstandard», wie wir sagen, wissen selbst diejenigen, die die Auswertung durchführen, nicht darüber Bescheid, wer welche Behandlung erhält, und bleiben somit ihrerseits als Akteure ausgeschlossen.

Vortrag: "Le soin relationnel à l'ère du traitement informationnel" (Bezugspflege im digitalen Zeitalter), von Eric Bonvin (Juli 2016)

M. B. Der Mensch steht bei diesem Verständnis der Medizin an zweiter Stelle?

E. B. Die Biomedizin geht von einem rational-kalten Ansatz aus. Sie ist implizit der Meinung, den Patienten zu behandeln, indem sie die Ursache seines Leidens angeht, welches sie der Krankheit zuschreibt, die sie mittels Diagnose objektiviert. So gesehen wäre die Entstehung von Leben lediglich das Ergebnis eines biologischen Programms, Leiden bloss die Nebenwirkung einer gestörten biologischen Einheit, und Sterben das Ergebnis eines ärztlichen Kunstfehlers. Damit weicht sie der Frage nach dem Wesen des Menschen einfach aus. In der Behandlungspraxis lässt sich der Mensch jedoch nicht ausklammern. Das hat uns die Covid-19-Krise deutlich gezeigt. Viele Mitglieder des Gesundheitspersonals haben unter der durch diese Krankheit verursachten Entmenschlichung gelitten. Stellen Sie sich 30 intubierte Personen mit der gleichen Erkrankung vor. Das Personal gänzlich maskiert und in die unglaublichsten Schutzanzüge gekleidet. Es ist eine alptraumhafte Vorstellung von Behandlung, völlig unpersönlich, entmenschlicht: Es ist wie Fliessbandarbeit, wie in einer Fabrik zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Ausserdem waren die beatmeten Patienten kurarisiert, und Besuche waren nicht gestattet. Diese Bedingungen waren sehr belastend und wurden als unerträglich empfunden, sowohl vom behandelnden Personal als auch von den Patienten und ihren Angehörigen. Und zwar so sehr, dass viele ältere Menschen lieber das Risiko eingingen, umsorgt zu Hause zu sterben, anstatt in dieser Hölle zu enden. Die Pandemie hat gezeigt, dass die Arbeit des Gesundheitspersonals ohne die zwischenmenschliche Dimension unerträglich wird. Es wäre angebracht, eine grundlegende Frage wieder in den Mittelpunkt zu stellen: Was ist der Zweck unseres Gesundheitssystems? Die Antwort heute ist klar: Der Zweck ist ein wirtschaftlicher. Aber es gibt Signale dafür, dass wir zu der Grundaufgabe der Medizin zurückkehren sollten: dem leidenden Menschen Erleichterung verschaffen und die Lebensqualität verbessern.

Und zwar so sehr, dass viele ältere Menschen lieber das Risiko eingingen, umsorgt zu Hause zu sterben, anstatt in dieser Hölle zu enden. Die Pandemie hat gezeigt, dass die Arbeit des Gesundheitspersonals ohne die zwischenmenschliche Dimension unerträglich wird.

M. B. Sie haben den Eindruck, dass eine individualisierte Versorgung fehlt?

E. B. Ja, in der Tat: Unsere Medizin individualisiert die Krankheit und nicht den kranken Menschen, den sie quasi zum Substrat degradiert. Dabei ist jedes Lebewesen einzigartig, und die Biowissenschaften sollten in der Lage sein, diese Singularität und diese Verschiedenartigkeit zu integrieren, anstatt alle über einen Leisten zu schlagen bzw. auf einen statistischen «Durchschnitt» zu reduzieren. Die Quantenphysik ist in der Lage, diese Singularität für unendlich kleine Phänomene zu integrieren, warum also nicht die Biowissenschaften? Unsere moderne Welt bemüht sich, grosse Regeln aufzustellen, Standards, die gleichermassen für alle gelten sollten. Was aber nicht der Fall ist. Natürlich ist es wichtig, mit wissenschaftlichen Daten zu arbeiten. Aber wir müssen weitergehen: Es geht darum, die Singularität jedes Lebewesens zu integrieren. Nicht in dem Sinne, wie ihn die Präzisionsmedizin mit ihren Hightech-Behandlungen versteht, sondern in dem humaneren Sinne, dass jeder Mensch mit seiner eigenen Energie, seiner Subjektivität, seinen Fähigkeiten und seiner Existenz anerkannt wird. Mit anderen Worten, die Medizin sollte in der Lage sein, den qualitativen Placeboeffekt voll und ganz in ihre objektive Wirksamkeit zu integrieren, anstatt sich davon abzugrenzen, indem sie ihn ausschliesst.

Natürlich ist es wichtig, mit wissenschaftlichen Daten zu arbeiten. Aber wir müssen weitergehen: Es geht darum, die Singularität jedes Lebewesens zu integrieren, was voraussetzt, dass jeder Mensch mit seiner eigenen Energie, seiner Subjektivität, seinen Fähigkeiten und seiner Existenz anerkannt wird.

M. B. Dennoch kam dem Spital in dieser ersten Phase von Covid-19 eine wichtige schützende Funktion zu. Einer Institution, die völlig entmenschlicht ist, applaudiert man nicht.

E. B. Ich glaube, was die Bevölkerung anerkennt, ist die soziale Funktion des Spitals; die Tatsache, dass es nicht nur ein Ort der Pflege, sondern auch ein Ort des Schutzes ist. Und das hat mich zu Beginn der Pandemie sehr beeindruckt: Wir haben uns in ein Lazarett, in einen Quarantäneort verwandelt. Letztendlich war es diese Basismedizin, die im Kampf gegen Covid-19 im Vordergrund stand. Eine Medizin, die sich um die Schwächsten kümmert, sie schützt und die es, wenn nichts anderes übrigbleibt, zulässt, dass die Natur ihren Lauf nimmt. Diese Medizin war praktisch verloren gegangen. Der Ort, die Institution, der soziale Raum, der Hilfe und Schutz für die Schwächsten gewährleistet: Das ist es, was die Menschen in der Funktion des Spitals erkennen. Es ist nicht die Spitzenmedizin, die am besten auf diese Pandemie reagiert hat – diese überbordete sogar; es war dieses Urbild der Institution Spital, welches die vielen Geisseln der vergangenen Jahrtausende überdauert hat.

M. B. Es stimmt, dass ein Teil des Gesundheitssystems brach lag. Ohne dass dies, zumindest vorläufig, erhebliche Probleme zu bereiten scheint. Wie erklären Sie das?

E. B. Für mich ist das zentrale Problem des heutigen Gesundheitssystems die Überversorgung. Der plötzliche Stopp eines ganzen Teils des Gesundheitsbetriebs von heute auf morgen hat keine Überlastung und auch keinen Zusammenbruch verursacht. Das wirft grosse Fragen auf. Wir befinden uns in einem System, das den Konsum begünstigt, der Krankheiten verursacht. Was wir dem Patienten anbieten, ist ein Reparaturservice für die Krankheit, deren undifferenzierter Träger er ist. Wer Schmerzen im Knie hat, dem ersetzen wir das Knie durch eine Prothese: Diagnose–Behandlung; Problem–Lösung. Möglicherweise gäbe es weniger invasive Ansätze, die für den Patienten besser geeignet wären. Dies kann aber nur im Rahmen einer therapeutischen Beziehung geschehen, die auf die Wünsche der betroffenen Person eingeht.

Wenn sich das dominante Wertesystem dieser Welt nicht ändert, werden sich solche Ereignisse wiederholen und zweifellos zunehmend unheilvoller verlaufen. Wir stossen an Grenzen: Wir müssen langsamer werden und uns die Zeit nehmen, im Einklang mit unserer Umwelt zu leben.

M. B. Wird die Krise, die wir durchgestanden haben, diesbezüglich einen Wandel ermöglichen?

E. B. Wie viele Menschen erhoffe ich mir eine Veränderung. Die Vorstellung gefällt mir. Tatsache ist: Wir zerstören das Ökosystem, wir holzen die Wälder ab und wir kommen vermehrt mit Wildtieren in Kontakt, die – bevor wir sie ausrotten und essen – ein wahres Reservoir für Viren sind. Und dann rollen wir den Viren den Teppich aus, indem wir wie verrückt herumreisen: wir werden zu ihren Trägern, Charterflugzeugen, Frachtschiffen, Kreuzfahrtschiffen!

M. B. Sie sind nicht sehr optimistisch für die Zukunft?

E. B. Mir scheint, dass es in jeder Krise diese Bereitschaft zum Wandel gegeben hat. Das ist nichts Neues. Seit einigen Jahrzehnten deutet alles darauf hin, dass ein Kurswechsel notwendig und immer dringlicher ist. Aber wird dieser Wandel stattfinden? Wir müssen es hoffen, denn eines steht fest: Wenn sich das dominante Wertesystem nicht ändert, werden sich solche Ereignisse wiederholen und zweifellos zunehmend unheilvoller verlaufen. Wir stossen an Grenzen: Wir müssen langsamer werden und uns die Zeit nehmen, im Einklang mit unserer Umwelt zu leben, und nicht unser Bestes tun, sie auf selbstmörderische Weise zu zerstören.

M. B. Kaum war der Lockdown vorbei, wurden die McDonald’s-Lokale förmlich überrannt. Schlechte Gewohnheiten verschwinden nicht so schnell wie erhofft…

E. B. Auch nicht im Bereich der Gesundheitsversorgung. Diese Krise, dieser gesundheitliche Ausnahmezustand hat uns gezeigt, dass es durchaus langsamer geht. Aber schon jetzt tauchen die ewig gleichen Fragen wieder auf: Wer bezahlt und wie bekommen wir die verlorene Zeit und das entgangene Geld so schnell wie möglich zurück? Während der Krise wurden Entscheidungen, die normalerweise 48 Monate benötigten, innerhalb von 48 Stunden getroffen. Wir haben uns zusammengerauft, um das durchzustehen. Und was passiert jetzt? Spitäler, Versicherer und Kantone streiten sich um zwei Fragen: Wer bezahlt und wer macht was? Dabei verfügen die Versicherer über einen Pandemiefonds, und in den kantonalen Budgets ist der Anteil der Kantone an der Finanzierung der Spitalgrundversorgung so oder so festgelegt… Trotzdem ergehen sich jetzt alle in Mutmassungen darüber, wer was zu finanzieren hat.

Diese Krise, dieser gesundheitliche Ausnahmezustand hat uns gezeigt, dass es durchaus langsamer geht. Aber schon jetzt tauchen die ewig gleichen Fragen wieder auf: Wer bezahlt und wie bekommen wir die verlorene Zeit und das entgangene Geld so schnell wie möglich zurück?

M. B. Ist es das grosse Comeback des «Geschäfts» Spital?

E. B. Es zeichnet sich ein Diskurs ab: Wie holen wir in den nächsten sechs Monaten das verlorene Geschäft und das entgangene Geld zurück? Kaum haben wir diese Gesundheitskrise hinter uns, steht die ökonomische Logik wieder im Vordergrund. Hauptziel ist das wirtschaftliche Gleichgewicht, selbst auf die Gefahr einer unnötigen Beanspruchung von Leistungen hin. Ich plädiere dagegen für ein natürliches Gleichgewicht: Ins Spital soll kommen, wer Pflege braucht, weil er leidet.

M. B. Das Gesundheitswesen stellt am drittmeisten Arbeitplätze in der Schweiz. Kann man ein Wirtschaftsmodell, das so wichtig ist, radikal verändern?

E. B. Unser Gesundheitsbetrieb beruht auf einer Formel, die darin besteht, die durch die Diagnose objektivierte Krankheit – unabhängig von ihrem menschlichen Substrat – mit einer spezifischen, quantifizierbaren medizinisch-technischen Leistung (Medikation, Eingriff, Untersuchung usw.) zu koppeln. Diese Formel müsste es nach den marktwirtschaftlichen Prinzipien, die für die industrielle Produktivität gelten, erlauben, die Art und die Menge der für die Behandlung einer Krankheit erforderlichen Leistungen zu managen, zu regulieren und zu planen. Durch die Anwendung dieser Formel ist das Spital zu einer veritablen Krankheitsproduktions- und herstellungskette geworden. Und die Menschen, die einen Gesundheitsberuf ergreifen, finden sich nicht mehr zurecht. Es fällt es uns immer schwerer, neue Mitarbeitende zu rekrutieren, denn die Motivation nimmt ab. Ärzte und Pflegepersonal sehen in ihrer täglichen Arbeit keinen Sinn mehr. Sie haben den Eindruck, dass sie zu reinen Leistungserbringern werden, zu einer Art Automat, der bei Krankheiten, für die die Patienten nur das Substrat sind, möglichst viele Aufgaben zum bestmöglichen Preis erfüllen muss. So kann es nicht weitergehen. Die Frage nach der Lebensqualität und dem Sinn der Arbeit des Gesundheitspersonals muss wieder im Zentrum der Diskussion stehen. Das wird uns nicht gelingen, solange wir versuchen, mit einem Schmetterlingsnetz alle Krankheiten einzufangen und sie dann alle zu behandeln. Es widerstrebt mir, das zu sagen, aber mir scheint, die Medizin sollte mehr Politik machen: sich interessieren für Ungleichheiten, Lebensumfelder und die Umwelt – die letztlich wahren Determinanten von Gesundheit, Krankheit und Leiden.

Mir scheint, die Medizin sollte mehr Politik machen: sich interessieren für Ungleichheiten, das Lebensumfeld und Umwelteinflüsse – die letztlich wahren Determinanten von Gesundheit, Krankheit und Leiden.

M. B. Hört man Ihnen zu, scheint ungewiss, ob das System bereit ist für die Fortsetzung dieser Krise…

E. B. Die Schweiz hat die erste Welle der Pandemie gut gemeistert. Aus Gründen, die noch unklar sind, hat das Gesundheitssystem standgehalten. Es ist jedoch ziemlich wahrscheinlich, dass wir erst am Anfan stehen und sich solche Pandemieereignisse mit diesem Virus oder einem anderen Mikroorganismus wiederholen werden. Das Epidemiengesetz hat zwar eine stärkere Zentralisierung des Systems ermöglicht, aber ich halte den fragmentierten Schweizer Ansatz trotzdem für problematisch. Ein hochzentralisiertes System wie in Frankreich ist sicherlich auch nicht erstrebenswert. Meiner Ansicht nach braucht es eine zwischen den Regionen kompatible und koordinierte Grundstruktur. Die Bewältigung künftiger Krisen wird eine bessere Koordination auf der Basis einer klaren medizinischen Zielsetzung erfordern. Und in dieser Hinsicht gibt es in der Schweiz noch viel zu tun.

Im Zuge der Aufklärung erlebten wir eine Blütezeit der Vernunft, wonach der Mensch als Krone der Schöpfung zu betrachten ist. Für mich hat die Pandemie das Ende dieser Ära beschleunigt, die ganz auf faktischer, substanzieller Rationalität aufgebaut ist, auf Kosten der von lebenden Wesen wahrgenommenen Wirklichkeit.

M. B. Glauben Sie, dass wir gerade das Ende einer Ära erleben?

E. B. Vielleicht. Unsere moderne Medizin legitimiert sich durch ihre Fähigkeit zur Entdeckung, Handhabung und Behandlung von Krankheiten, gestützt auf einen rationalen, wissenschaftlich fundierten Ansatz. Die Covid-19-Pandemie hat die Grenzen dieser Medizin schonungslos aufgezeigt: Sie tut sich schwer damit, dieses Coronavirus, seine Übertragungsweise, seine klinischen Wirkungen und unsere Immunantwort darauf klar zu identifizieren und eine spezifische Behandlung dafür zu finden. Vielleicht wird sich damit abfinden müssen, mit diesem Virus zu leben, gleich wie mit der narzisstischen Kränkung, die ihr das Virus zufügt. Im Zuge der Aufklärung erlebten wir eine Blütezeit der Vernunft, wonach der Mensch als Krone der Schöpfung zu betrachten ist. Für mich hat die Pandemie das Ende dieser Ära beschleunigt, die ganz auf faktischer, substanzieller Rationalität aufgebaut ist, auf Kosten der von lebenden Wesen wahrgenommenen Wirklichkeit. Seit der Digitalisierung glauben wir, den Lauf der Ereignisse in der Welt programmieren und steuern zu können. Nun ist jedoch ein Zeitalter des Post-Faktischen angebrochen, das sich dieser Rationalität frontal widersetzt und ihren Wert untergräbt. Wir befinden uns in einer unsicheren Zeit, in der sich der Informationsempfänger weder für die Wahrheit noch für die Fakten interessiert. Er ist in seinen stereotypen Vorstellungen gefangen. Alle Zivilisationen haben sich verändert, weil sich ihre Werte verändert haben. Bleibt zu hoffen – aber sicher ist das nicht –, dass die Werte, die sich im Zuge dieser Pandemie durchsetzen, eine bessere Zukunft verheissen und nicht eine Wende hin zu obskuren wirtschaftlichen, politischen oder religiösen Totalitarismen.

Das Gespräch führte Michael Balavoine 

Porträt Eric Bonvin © FermeAsile-Wernimont

Wege zu einem neuen Gesundheitssystem?


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Das Schweizer Gesundheitssystem hat in der Tat ein Nachhaltigkeitsproblem. Obschon es zu den besten der Welt gehört und ein Grossteil der Bevölkerung damit zufrieden ist, steht das System unter zunehmendem Druck. Zum einen wegen der Kosten: Die Krankenkassenprämien und die Gesundheitsausgaben haben für einen grossen Teil der Bevölkerung die Grenze des Erträglichen erreicht (30% der Schweizerinnen und Schweizer verzichten aus Kostengründen auf medizinische Betreuung). Zum anderen wegen des Paradigmas, auf dem es basiert.
Abgesehen von den (insgesamt seltenen) Krisenzeiten wie jener von Covid-19 sind gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) chronische nichtübertragbare Krankheiten – vor allem Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes – weltweit zur häufigsten Todesursache geworden. Die Organisation unseres Gesundheitssystems ist jedoch immer noch zu sehr auf die Behandlung akuter Krankheiten (z. B. schwere Infektionskrankheiten, Herzinfarkt usw.) ausgerichtet, die im letzten Jahrhundert ein wichtiges Thema waren. Ein modernes System sollte anpassungsfähig sein, um eine langfristige Unterstützung bei komplexen Krankheiten zu ermöglichen. Dabei müssen die Spitäler ihrer Aufgabe im Bereich der Akutversorgung natürlich weiterhin nachkommen. Aber die – immer häufiger auftretenden – chronischen Erkrankungen gehören künftig eher in den Bereich der ambulanten Versorgung und Prävention. Und dies mit einem zunehmend personalisierten Ansatz. Das System sollte deshalb anpassungsfähig sein, um eine langfristige Unterstützung bei komplexen Krankheiten zu ermöglichen.

Im Rahmen ihrer Initiative Santé Personnalisée & Société  unterstützte die Stiftung Leenaards die Veröffentlichung eines Berichts über das Schweizer Gesundheitssystem, der von Michael Balavoine, Chefredaktor der Zeitschrift Planète Santé, und Bertrand Kiefer, Chefredaktor Revue Médicale Suisse, mitverfasst wurde.

👉 Vollständige Bericht (auf Französisch und Deutsch)

🗞 Gedruckte Exemplare auf Anfrage per E-Mail erhältlich